Tiefenstaffelung II – natürliche Räume


Im ersten Teil zum Thema „Tiefenstaffelung“ wurde gezeigt, wie ein Musiksignal auf der z-Achse verschoben werden kann, also nach hinten wandert. Gearbeitet wurde ausschließlich mit künstlichen Räumen, d. h. mit einem Plug-in der DAW. In diesem Teil soll es darum gehen, Tiefe und Breite ausschließlich mit einem natürlichen Raum zu erzeugen. Nicht immer muss dazu ein großer und gut klingender Aufnahmeraum genutzt werden, wie er in großen und teuren Studios zu finden ist. Ein einfacher Raum ohne störende Shatter-Echos reicht vollkommen aus, um den Instrumenten etwas Tiefe zu verleihen.

Die Hörbeispiele wurden in meinem Arbeitszimmer aufgenommen, welches eine Größe von ca. 10 m² besitzt. An einer Wand befindet sich ein großes und schweres Bücherregal. Gegenüber steht der Studiotisch mit der DAW, Mischpult und Monitoren. Der Boden ist mit Parkett ausgelegt. Bei der Decke handelt es sich um eine abgehängte Rigips-Decke. Rechts und links befinden sich das Fenster bzw. die Tür zum Flur. Da der Flur sehr stark hallt, wurde diese Tür geschlossen gehalten. Der Raum klingt recht trocken. Zwei störende Reflexionen befinden sich im oberen Mitten/Höhen-Bereich. Man benötigt jedoch schon recht viel Energie, um diese Resonanzfrequenzen anzuregen.

Vorüberlegung

Um ein Signal im Raum darzustellen, eignen sich am Besten die Verfahren der Stereo-Mikrofonie. Für die Stereo-Abbildung sind Laufzeitunterschiede und Intensitätsunterschiede zwischen zwei Mikrofonen von Bedeutung. Wie im letzten Teil des Tutorials gezeigt, wird die Wirkung des Raums durch Reflexionen, Höhenabfall und Lautstärke-Unterschiede bestimmt, die je nach Position im Raum unterschiedlich stark zum Tragen kommen. Werden im Raum verschiedene Instrumente verteilt und diese nur mit einem Hauptsystem, unserem Mikrofonpaar, abgenommen, müsste sich bei korrekter Durchführung also nicht nur ein Stereo-Effekt einstellen, der die Position der Instrumente auf der Stereo-Basis abbildet, sondern auch ein Tiefeneindruck durch das unterschiedliche Verhältnis Diffusschall/Direktschall. Weiter vom Mikrofon entfernte Instrumente sollten nicht nur leiser, sondern auch dumpfer klingen. Näher am Mikrofon befindliche Instrumente dem entsprechend lauter bzw. höhenreicher.

Als Stereo-Verfahren wurde das ORTF-Verfahren gewählt. Das ORTF-Verfahren wurde vom französischen Rundfunk entwickelt und zeichnet sich darin aus, dass sowohl Laufzeit- als auch Intensitätsunterschiede zwischen beiden Mikrofonkapseln aufgezeichnet werden. Die Kapseln befinden sich in einem Abstand von 17 cm zueinander und sind jeweils um 55° nach außen gedreht. Die Richtcharakteristik beider Kapseln ist Niere. Dem ORTF-Verfahren bescheinigt man eine sehr gute räumliche Abbildung bei guter Mono-Kompatibilität. Ich habe in diesem Fall zwei Beyerdynamics Kleinmembran-Mikrofone genutzt. Mehr Infos zum ORTF-Verfahren finden sich in vielen Büchern zur Tonstudio-Technik oder auch bei Herrn Sengpiel.Beide Mikrofone wurden auf eine Stereo-Schiene montiert und auf einem Stativ gegenüber dem Bücherregel, direkt vor dem Arbeitsplatz aufgebaut. Der Platz dazwischen musste nun als Aufnahmeraum herhalten.

Für die Test-Aufnahme, eine akustische Version von „We shall overcome“ sollte folgendes Klangbild entstehen:

Ein Sänger steht nahe dem Zuhörer und spielt dabei eine Akustik-Gitarre. Seine Stimme soll möglichst direkt klingen, die Gitarre zwar gut hörbar sein und weit vorne stehen, den Gesang aber nicht überdecken. Die Akustik-Gitarre wird mit Plektrum gespielt und besitzt dem entsprechend einen sehr direkten, höhenreichen und harten Klang.

Ein Organist spielt die Harmonien des Songs an einer Hammond B3 (in meinem Fall eine über einen Keyboard-Verstärker gespielte Nord C2). Diese soll weit hinten zu hören sein, um nicht Gitarre und Gesang zu überdecken. Der Organist steht etwa 1.5 Meter links hinter dem Sänger.

Ein Akkordeon-Spieler (in meinem Fall ein Roland Juno Di mit Keyboard-Verstärker) steht etwa 1.5 Meter rechts hinter dem Sänger.

Ein Piano ergänzt die Akustik-Gitarre und soll in der Mitte des Raumes stehen, also etwa zwischen Orgel und Akkordeon. Es darf die Akustik-Gitarre nicht überdecken und soll sich eher im Hintergrund halten.

Ein Schellenkranz dient als einziges rhythmisches Instrument. Dieser soll zwar weiter vorne stehen und aus der Mitte zu hören sein, darf aber in keinem Fall Gesang und Gitarre übertönen.

Praxis

Für die Aufnahme wurde diese Vorüberlegung nur mit dem Stereo-Hauptsystem umgesetzt, indem die Instrumente bzw. Verstärker entsprechend der Vorüberlegung im Raum platziert wurden. Die Position wurde mittels Kopfhörer überprüft. Anmerkung: Im „Ernstfall“ würde ich von allen Instrumenten auch noch einmal ein Direkt-Signal (DI) bzw. ein nah mikrofoniertes Signal aufnehmen, um später noch Korrekturen vornehmen zu können. Darauf wurde verzichtet, da ja nur die Tiefenstaffelung im Raum demonstriert werden soll. Aufgenommen wurden alle Instrumente im Overdub-Verfahren und ohne große Sorgfalt, was Rhythmik oder Timing angeht. Ich entschuldige mich an dieser Stelle auch schon einmal für meinen Gesang 🙂

Da bei Kneipen-Auftritten der Sänger in der Regel ein Mikrofon und eine kleine Beschallungsanlage nutzt, habe ich mich nach Testaufnahmen dazu entschieden, für den Gesang nicht das Stereo-Hauptsystem zu verwenden, sondern stattdessen den Gesang monophon mit einem Kondensator-Mikrofon aufzunehmen. So war es mir möglich, noch dichter ans „virtuelle Publikum“ zu kommen als mit dem Stereo-Hauptsystem. Der Pegel des Stereo-Systems wurde darüber hinaus während der Aufnahme nicht verändert. Im Mix wurden bis auf den Schellenkranz alle Instrumente auf die gleiche Lautstärke gezogen, um die durch die Positionierung im Raum entstehenden Parameter (Stichwort Lautstärke) nicht zu verfälschen. Bearbeitet wurde lediglich der Gesang mit einer leichten Kompression und einem kurzen Raum, der aber durch die sehr direkte Besprechung des Mikrofons nicht in der Lage ist, den Gesang nach hinten zu drücken und eher als „Kleber“ zwischen Gesang und Instrumenten dient.

Zu den Hörbeispielen: Kein Panning, kein künstlicher Raum/Nachhall auf den Instrumenten. Jeglicher Raum stammt vom ORTF-System! Das erste Beispiel zeigt nur den Mix aller ORTF-Signale. Es ist noch wenig beeindruckend, was daran liegt, dass noch kein Referenz-Signal enthalten ist, welches wesentlich weiter vorne liegt als die Begleitinstrumente. Das zweite Beispiel mit Gesang zeigt dann deutlich, dass der gewünschte Effekt eintritt. Der Gesang steht trotz dem hier eingesetzten künstlichen Hall weit im Vordergrund, während die Instrumente hinten und im Stereo-Panorama verteilt stehen. Besonders eindrucksvoll hört man den Tiefenstaffelungs-Effekt mit einem Kopfhörer!

Fazit

Schon von der Aufnahme eines Schlagzeugs wissen wir, dass Rauminformationen sehr wichtig für die Tiefenstaffelung sind. Bereits ein monophones Raum-Signal verhilft dem Drum-Set zu Tiefe und rückt es hinter die Stimme. Auch andere Instrumente lassen sich sehr gut „im Raum“ aufnehmen und somit mit etwas Vorüberlegung bereits für den späteren Mix positionieren. Die hier gezeigten Aufnahmen demonstrieren nur den Raum-Effekt (per ORTF) und nicht einen späteren Mix, z. B. auch mit den Direktsignalen. Es ist jedoch erstaunlich, wie gut bereits ein lediglich mit einem Stereo-Verfahren aufgenommenes Signal klingt. Der Effekt von einer gewissen Tiefe stellt sich so schon von allein ein, Panning inbegriffen – auch in einem nicht akustisch optimierten Raum.

Tipp: Wenn sich bei einem In-the-box Mix (sämtliche Instrumente entstammen Plug-ins oder wurden ohne Raum aufgenommen) trotz aller Maßnahmen nicht so richtig eine Tiefe einstellen möchte, spielt einzelne Signale, die zu direkt sind, über einen aktiven Lautsprecher aus und nehmt diesen dann mit einigem Abstand mit einem oder besser zwei Mikrofonen wieder auf. So wurde früher auch in Hallkammern gearbeitet. Man kann so auch mal kurz einen Gitarren-Track nachträglich ein Badezimmer-, Wohnzimmer- oder Flur-Ambiente verschaffen oder den Drum Samples mit etwas Räumlichkeit mehr Leben einhauchen.

 

 

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