Quietscheentchen…oder das leidige Lied von der Badewanne


Neulich bei einer Generalprobe:

Der Tontechniker konnte am Tag der Generalprobe nicht anwesend sein. Schnell wurde vom Verantwortlichen ein altes Preset einer ähnlichen Veranstaltung in das Yamaha LS9 Digitalpult geladen, die Mikros eingeschaltet und los ging es….wäre es gegangen….hätte es gehen können…..
Das teure im Einsatz befindliche und als Referenzklasse durchaus geeignete Neuman KM105, welches von uns neben einigen Sennheiser E945 mitgebracht wurde, wollte einfach nicht klingen. Schnell wurde vorgeschlagen, dieses doch durch ein anderes Mikro zu ersetzen, welches bei ähnlichen Veranstaltungen immer gute Dienste geleistet hätte (ein altes, günstiges AKG-Modell). Moment mal, kann das sein?

Ein Blick auf die Equalizer-Einstellung des betreffenden Kanalzugs brachte mich ins Staunen. Konnte es so etwas noch geben?
Tatsächlich sah die Einstellung am Pult (hier in Logic nachgestellt) so aus:

Die “gute” alte Badewannenkurve hatte erfolgreich den Weg in die Gesangs-Presets, die ein Tontechniker dort abgespeichert hatte, gefunden. So kann natürlich das teuerste Mikrofon nicht klingen. Warum nicht?

Bei der “Badewannenkurve” werden entweder die Mitten um den Bereich von 1kHz sehr breitbandig abgesenkt oder alternativ die Bässe und Höhen sehr stark angehoben. Im ersten Fall wird der Pegelverlust in der Regel durch das Gain (oder schlimmer den Kanalfader) wieder ausgeglichen, im letzteren Fall das Signal um den Betrag der Anhebung wieder abgesenkt.

Das Ergebnis ist in beiden Fällen gleich: Ein in den Bässen dumpfes, in den Höhen zu spitzes Signal und geringe Sprachverständlichkeit, viel Mulm und hohe Feedback-Neigung. Solche Signale können sich auf Bühnen kaum noch durchsetzen.

Der Grund liegt darin, dass durch die breitbandige Absenkung der Mitten der für Sprache/Gesang so wichtige Frequenzbereich von ca. 300 Hz – 3 kHz komplett unterbelichtet ist. Dort liegen die wichtigen Formanten, d. h. die Vokale a, e, i, o, u zum Beispiel.

Begründet wird die “Badewannenkurve” aus einem falschen Verständnis der Fletcher-Munson-Kurven (siehe Abbildung), aus denen hervorgeht, dass unser Gehör nicht linear arbeitet, sondern für tiefe Frequenzen und hohe Frequenzen weniger empfindlich ist. Die umgekehrte Fletcher-Munson-Kurve ergibt dann die schöne “Badewanne”, an der Earnie mitsamt Quietscheentchen sicher sein Spaß hätte, nicht aber das Publikum oder der Sänger. Die Loudness-Taste an der heimischen Hifi-Anlage geht übrigens von der gleichen Annahme aus und hebt Höhen und Bässe an. Gedacht ist das für geringe Lautstärken, doch Hand auf’s Herz: Wer hat diese Funktion wirklich bei höherer Lautstärke deaktiviert?

Unser Gehör ist darauf fixiert, die wichtigen Frequenzbereiche der Sprache (dort liegen auch die wesentlichen Informationen der meisten Instrumente!) besonders gut wahrnehmen zu können. Das ist auch gut so und so gewollt! Wir hören tagtäglich so und sind daran gewöhnt, diese Frequenzbereiche besonders “betont” wahrzunehmen. Ist das Gehör in diesen Bereichen geschädigt, ist ein Hörgerät zwingend, weil Sprache nicht mehr verstanden wird – und auch die Richtungswahrnehmung unter Umständen stark gestört sein kann.

Um einmal zu demonstrieren, wie eine solche “Badewannenkurve” klingt, habe ich in Logic vier Beispiele aufgenommen.

Hörbeispiel 1 wurde mit einem Sennheiser E945, einem typischen und recht guten dynamischen Gesangsmikrofon, im Nahbereich (<= 1cm) aufgenommen. Der Nahbesprechungseffekt, wie er live gerne von Sängerinnen und Sängern genutzt wird, kommt hier deutlich zum Tragen. Die Aufnahme ist komplett unbearbeitet. Mit einem LoCut bei 100 Hz könnte der Bass-Bereich entrümpelt werden. Etwas “Luft” oberhalb von 10kHz dazu und man hätte bereits einen brauchbaren Gesangssound auf der PA. Wenn nötig, könnte die eine oder andere Resonanz, die bei verschiedenen Sängerinnen und Sängern entsteht, sehr schmalbandig gefiltert werden.

Hörbeispiel 2 ist nun das Beispiel für den “Badewannen-EQ”. Man hört deutlich die Problematik, dass nun die Mitten stark abgeschwächt sind und die Stimme an Prägnanz und Deutlichkeit einbüßt. Alles klingt dumpf und wenig verständlich. Durch die starke und breite Absenkung um 1kHz ist ein deutlicher Pegelverlust zu vernehmen. Werden nun noch Instrumente, die wie angedeutet, ihre wesentlichen Informationen im hier abgesenkten Frequenzbereich besitzen, hinzu gemischt, ist der Gesang weder auf den Monitoren noch auf den FoH Lautsprechern zu hören. Durch den Effekt der Maskierung wird auch das letzte Bisschen Gesang endgültig aus dem Mix getilgt.

Hörbeispiel 3 demonstriert die anschließende Anhebung des Gesamtpegels um den maximalen Betrag der “Badewannen”-Absenkung, um den Pegelverlust wieder auszugleichen. Da an Mischpulten die Meter zur Aussteuerung stets “post EQ” liegen, greift der Techniker sofort zum Gain Regler und versucht, wieder einen vernünftigen Arbeitspegel zu bekommen. Dies resultiert allerdings in einer starken Bass- und Höhenanhebung. Die Stimme klingt nun sehr spitz und überpräsent, lässt gleichzeitig aber jegliche Wärme vermissen. Es kommt zu ersten Verzerrungen. Der Sound erinnert irgendwie an einen Losbuden-Verkäufer, man muss nur noch das Taschentuch über den Mikrofonkorb legen. Würde man das mit einem Shure SM58 demonstrieren, das ohnehin über einen noch stärker ausgeprägten Nahbesprechungseffekt und die damit verbundene starke zusätzliche Bassanhebung verfügt, wären sehr starke Plopp-Laute bei den Plosiven und andere Rumpelgeräusche hörbar. Die Feedback-Neigung ist durch die starke Höhenanhebung sehr groß. Die Notwendigkeit, den Pegelverlust von fast 15dB auszugleichen, sorgt zudem für Übersteuerungen im Bass-Bereich, die im Live-Betrieb zudem jeden Kompressor/Limiter zum Schwitzen bringen. Dies hört man dann auch deutlich im Hörbeispiel 4. Das Desaster würde sich noch fortsetzen, wenn der unerfahrene Techniker die nun entstandenen Zischlaute mit einem De-Esser bekämpft. Dabei könnte alles so einfach sein.

Leider sieht man diese Art der Equalizer Einstellung nicht nur im Kanalzug, sondern auch (zusätzlich) an den Graphischen Equalizern für FoH und Monitore. Hier setzt sich dann das, was bei den Mikrofonen begonnen wurde, bei den Instrumenten fort. Interessanterweise begegnen mir derartige Einstellungen in jüngster Zeit gehäuft in Kirchen. Ich vermute, dass so versucht werden soll, die Feedbacks im Mittenbereich in den Griff zu bekommen. Leider erzeugt man dadurch die oben genannten Probleme, die Sprachverständlichkeit wird schlechter und es pfeift trotzdem (jetzt nur woanders). Die immer öfter eingesetzten digitalen Mischpulte spielen den fleißigen Badewannen-Schwimmern noch zusätzlich in die Hände, hat man hier doch auf kleinstem Raum alle Tools zur Verfügung, um Sound zu vernichten.

Also bitte, liebe Techniker: Breitbandige Absenkungen im Bereich zwischen 300Hz und 3kHz sind tabu! Badewannen gehören nicht in den Konzertsaal, sondern ins Badezimmer. Wenn Korrekturen, dann schmaler Cut und breiter Boost. Bei einer guten und gut eingestellten PA sowie der Verwendung der passenden Mikrofone (und korrektem Umgang damit), kann in der Regel auf den EQ sogar ganz verzichtet werden. Nachdem ich den EQ flat eingestellt und einen LoCut bei 100 Hz gesetzt hatte, war das Problem gelöst und das Neumann KM105 tat das, was man von einem Mikro der 500€-Klasse erwartet: erstklassig den Gesang übertragen.

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